Deutscher Gewerkschaftsbund

Schwerpunkt Fleischindustrie

Zur Situation der deutschen Fleischindustrie

Faire Mobilität

Auf Einladung von Annelie Buntenbach, Mitglied des Geschäftsführenden DGB-Bundesvorstandes, diskutierten eine Reihe von Experten am 8. September 2016 in Berlin die Frage, ob sich die Arbeitsbedingungen aufgrund des eingeführten Branchenmindestlohnes und einer Selbstverpflichtungserklärung »für attraktivere Arbeitsbedingungen« der größten sechs Konzerne in der Fleischindustrie inzwischen verbessert haben. Die vorliegende Broschüre fasst die Statements der Experten zusammen und ergänzt sie durch einige Fallbeispiele aus der Beratungsarbeit von »Faire Mobilität«. Außerdem enthält sie ein Interview mit Szabolcs Sepsi, dem Koordinator des vom BMWi finanzierten Zusatzprojektes zur Fleischindustrie bei »Faire Mobilität«.

Die Broschüre kann in gedruckter Form beim Projekt unter pegelow.bfw@dgb.de bestellt werden.

Broschüre als PDF zum Download:

 

In einigen Zentren der Fleischindustrie in Deutschland verstärken seit April 2016 fünf rumänisch- und polnisch-sprachige Beraterinnen und Berater von Faire Mobilität bestehende Beratungsstellen für mobile Beschäftigte in Dortmund, Kiel und Oldenburg. Zusätzlich hat Faire Mobilität in Rheda-Wiedenbrück ein Beratungsbüro eröffnet, das auch von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) genutzt wird.

Das Ziel ist es, mit Informations- und Beratungsveranstaltungen Werkvertragsbeschäftigte in der Fleischindustrie über ihre Rechte aufzuklären und sie dabei zu unterstützen, diese wahrzunehmen. Vor den Werkstoren der Schlachthöfe verteilen die Beraterinnen und Berater bei Schichtwechseln mehrsprachige Flyer. Sie laden zu Veranstaltungen in der Nähe der Betriebe ein, bei denen Werkvertragsbeschäftigte Informationen über das deutsche Arbeitsrecht bekommen und sich anschließend individuell beraten lassen können. Bei größeren Aktionen in einzelnen Betrieben arbeiten die DGB-Beratungsstellen bundesländerübergreifend zusammen.

Koordiniert wird dieser Kompetenzschwerpunkt durch Szabolcs Sepsi von Faire Mobilität in Dortmund. Die DGB-Beraterinnen und Berater arbeiten eng mit Arbeit und Leben in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zusammen. Finanziert wird das neue Teilprojekt vom Bundesministerium für Wirtschaft zusammen mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der NGG und dem DGB.

Arbeiter bei der Fleischzerlegung

dpa/picture alliance

Beratungsstellen mit Schwerpunkt Fleischindustrie

Flyer: Arbeit im Schlachthof

Systematische Arbeitsausbeutung

In der Fleischindustrie ist, im Vergleich zu anderen Branchen, die Ausgliederung von Gewerken im Rahmen von Werkverträgen auf die Spitze getrieben worden. Die Unternehmen beauftragen „Dienstleister“ aus dem In- und Ausland, um in ihren Betrieben bestimmte Arbeiten zu erledigen. Das betrifft das Schlachten und Zerlegen, die Weiterverarbeitung zu Fleischprodukten ebenso wie Verpackung und Kommissionierung, Reinigung und Transport. Zum Einsatz kommen hauptsächlich mobile Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa.

Die Arbeitsbedingungen bei den Subunternehmen sind häufig brutal. Es wird gearbeitet, bis alles fertig ist; 12 bis 14 Stunden-Tage sind keine Seltenheit. Das Produktionstempo ist ständig am Anschlag. Die Fluktuation unter den Beschäftigten ist entsprechend groß. Wer krank wird, wird ausgetauscht. Viele kündigen auch selbst. Die Beschäftigten merken, dass die Belastung zu hoch ist und der Lohn dazu in keinem Verhältnis steht. Nicht wenige kehren krank in ihre Heimat zurück.

Zu den miserablen Arbeitsbedingungen kommt hinzu, dass viele Beschäftigte oft in überbelegten Unterkünften mit mangelhaften Sanitäranlagen, Koch- und Waschmöglichkeiten untergebracht werden. Einige „Dienstleister“ machen mit der überteuerten Vermietung von solchem Wohnraum noch zusätzlichen Profit.

Tariflicher Mindestlohn auch bei Werkverträgen

Im Juli 2014 handelte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit den Arbeitgebern einen tariflichen Mindestlohn aus, der aktuell 8,60 Euro brutto betrug. Da dieser Tarifvertrag durch das Endsendegesetz für allgemeinverbindlich erklärt wurde, galt er auch für Werkvertragsbeschäftigte, die bis dahin zum Mindestlohn ihrer Herkunftsländer eingesetzt werden konnten.

Allerdings wenden Subunternehmen Tricks an, um den Lohn weiterhin zu drücken. Das fängt bei den Arbeitsverträgen an: Üblicherweise werden geringere Stundenzahlen vereinbart als jene, die die Beschäftigten tatsächlich arbeiten. Für Urlaub oder Krankheit wird dann nur der geringere vertragliche Lohn ausgezahlt. So sparen die Unternehmen Lohnzahlungen und Sozialversicherungsbeiträge. Ebenfalls gängig sind „geklaute Stunden“: Es werden weniger Stunden ausgezahlt als gearbeitet wurden. Die Beschäftigten können ihre geleistete Stundenzahl kaum beweisen. Der Betrug reicht vom Anfang bis zum Ende: Beschäftigte, die selbst kündigen, warten vergeblich auf ihren letzten Lohn, ebenso wie auf Austrittspapiere und Arbeitszeugnisse.

 

Selbstverpflichtung der Arbeitgeber

Im September 2015 unterzeichneten die sechs größten Konzerne der Fleischindustrie eine Selbstverpflichtungserklärung „für attraktivere Arbeitsbedingungen“. Die Konzerne verpflichten sich darin, dafür Sorge zu tragen, dass auch bei Subunternehmen sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse nach deutschem Recht eingeführt werden.

Die Arbeitgeber vollziehen in der Folge eine Entwicklung nach, die durch den Branchenmindestlohn angestoßen worden war. Da dieser auch für Werkvertragsbeschäftigte galt, lohnte sich das Geschäft mit ausländischen Subunternehmen nicht mehr richtig. Daher gingen die Konzerne dazu über, mehr deutsche Subunternehmen zu beauftragen. Die Angestellten bleiben oft dieselben: Zum Teil gründeten ausländische Dienstleister Niederlassungen in Deutschland, die die Belegschaften übernahmen, zum Teil drängten neue deutsche Dienstleister auf den Markt, die Angestellte ausländischer Subunternehmen abwarben.

Für die Beschäftigten ist es in jedem Fall besser, bei einem in Deutschland registrierten Unternehmen angestellt zu sein. Für sie gelten dann die vollen Arbeitnehmerrechte, Anspruch auf vollständige Leistungen einer deutschen Krankenversicherung und sie erwerben Ansprüche aus der Arbeitslosen- und Rentenversicherung.

 

Missbrauch von Werkverträgen beenden

In der Frage des Verhältnisses zwischen Stammbelegschaften und Subunternehmen blieb die Selbstverpflichtungserklärung vage. Die Arbeitgeber erklärten lediglich, dass sie das Ziel verfolgen, den Anteil ihrer Stammbelegschaften zu erhöhen – „im Rahmen ihrer jeweiligen wirtschaftlichen Verhältnisse“.

Die zentrale Frage lautet weiterhin: Weshalb werden diejenigen, die in Deutschland den Großteil der Arbeit für die Konzerne der Fleischindustrie erledigen, nicht von diesen direkt angestellt? Dann wären die betrieblichen Interessenvertretungen zuständig, die regulären tariflichen Leistungen würden gelten und alle Sonderregelungen und Selbstverpflichtungen wären überflüssig.

 

Fleischindustrie: Fakten und Zahlen

Die Deutschen essen gern Fleisch. Knapp 60 Kilogramm pro Jahr und Kopf verzehren die Einwohner der Bundesrepublik durchschnittlich. Für jeden Deutschen werden im Laufe seines Lebens 1094 Tiere geschlachtet. Die deutschen Schlachthöfe sind riesige Produktionsanlagen, in denen jeden Tag 1,9 Millionen Tiere geschlachtet werden. 8,1 Milliarden Kilogramm Fleisch erzeugt die Fleischindustrie pro Jahr.

Die Branche boomt. 20 Milliarden Euro jährlich setzten die zehn größten Unternehmen zuletzt um. Ein Grund sind geringe Herstellungskosten: 1,50 Euro kostet die Schlachtung eines Schweins, wenn dafür Subunternehmen mit Werkverträgen engagiert werden. Wie viele Werkvertragsbeschäftigte in der Fleischbranche arbeiten, ist nicht genau bekannt. Bei den vier größten Schlachtkonzernen stellen sie nach Einschätzung der NGG zwei Drittel der Belegschaften.

Das Geschäftsmodell sorgt dafür, dass Fleisch für wenig Geld in Discountern zu haben ist. Deutsches Fleisch ist so billig, dass 14 Prozent der Produktion in den Export gehen – unter anderem nach Rumänien, wo der Mindestlohn 1,30 Euro beträgt.

Quellen: Fleischatlas 2013, NGG

Fleischangebot im Supermarkt

mappe-cn/flickr

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Kontakt

Faire Mobilität 
DGB, Kapweg 4, 13405 Berlin
Ansprechpartner
Dominique John
E-Mail mobilitaet@dgb.de
Telefon (+49) 030 – 21 240 540

 

 

Projektberichte

Statistische Gesamtauswertung 2012 bis 2017 (PDF, 1 MB)

Die Gesamtauswertung fasst die wichtigsten Daten der einzelnen Jahresauswertungen seit 2012 in einer Übersicht zusammen.

Faire Mobilität

Faire Mobilität

Faire Mobilität in den Medien

07.08.2018
Generalkonsulat von Rumänien
Be­ra­tungs­an­ge­bo­te in ru­mä­ni­scher Spra­che für die ru­mä­ni­schen Staats­bür­ger im An­ge­stell­ten­ver­hält­nis in Bay­ern – Be­such der Be­ra­tungs­stel­le „Faire Mo­bi­li­tät“ Mün­chen

31.01.2018
Frankfurter Rundschau
Die Aus­wüch­se müs­sen ein En­de ha­ben

31.01.2018
Faire Mobilität - Interview
„Die Trans­port­bran­che aus der Re­vi­si­on der Ent­sen­de­richt­li­nie he­r­aus­zu­neh­men, wä­re nicht nur für den in­ter­na­tio­na­len Stra­ßen­trans­port fa­tal.“

22.12.2017
RP Online
Ru­mä­ni­sche Ar­bei­ter be­kom­men Geld

17.12.2017
Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft
Ak­ti­on am Rast­hof Me­den­bach

15.12.2017
lokalkompass.de
Faire Ar­beit con­tra Aus­beu­tung Fach­ta­gung in Hal­tern am See kri­ti­siert Miss­stän­de – auch in Deutsch­land

19.11.2017
Faire Mobilität - Interview
„Ich ha­be noch nie einen ru­mä­ni­schen Bau­ar­bei­ter ge­trof­fen, der be­zahl­ten Ur­laub ge­macht hat“

17.11.2017
Faire Mobilität - eigener Bericht
Kein An­schluss un­ter die­ser Num­mer

15.11.2017
DW
Fai­rer Lohn für al­le?

15.11.2017
Das Erste
Ar­beit oh­ne Lohn

14.11.2017
Osnabrücker Zeitung
Werks­ver­trags­ar­bei­ter in Sö­gel über Min­dest­lohn in­for­miert

05.11.2017
Faire Mobilität - eigener Bericht
Still­stand auf der Au­to­bahn - Ent­sen­dung im Trans­port­ge­wer­be

07.10.2017
Frankfurter Rundschau
Acht Wo­chen non­stop un­ter­wegs

07.10.2017
DGB Hamburg
Ak­ti­on ge­gen un­faire Löh­ne in der Trans­port­bran­che

05.08.2017
Offenbach Post
Vie­le pre­kä­re Ar­beits­ver­hält­nis­se

11.07.2017
Faire Mobilität
Gas­ko­cher, Wä­sche­lei­ne und In­fos zum Min­dest­lohn

08.05.2017
NRW Land der fairen arbeit
Die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on in der deut­schen Flei­sch­in­dus­trie

21.03.2017
Deutsche Welle
Hil­fe für Ost­eu­ro­pä­er in der Flei­sch­in­dus­trie
von Katarzyna Domagala-Pereira

23.02.2017
Beratungsstelle Faire Mobilität
Wich­ti­ger Ein­satz ge­gen Hun­ger­löh­ne für Wan­der­ar­bei­ter

23.09.2015
DW
Gorą­ca li­nia. Nie­miec­cy związ­kow­cy rad­zą Po­la­kom
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